Interview Prof. Dr. Jöhren „Nur am Limit – oder doch schon irre?!“
Qualitätsmanagement in der Praxis erfordert regelmäßige Weiterentwicklung
Auf der Veranstaltung „Nur am Limit – oder doch schon irre?!“ am 5./6. November in Düsseldorf stellt Prof. Peter Jöhren eigene Erfahrungen an der Zahnklinik Bochum vor
Münster/Bochum. Sowohl die zahlreichen juristischen Aspekte als auch betriebswirtschaftliche Anforderungen stellen die in eigener Praxis tätige Zahnärzteschaft heute vor große Herausforderungen. Einen Rahmen soll ab kommendem Jahr die Verpflichtung zur Einführung eines Qualitätsmanagements für die Praxen liefern. Eine betriebswirtschaftliche und rechtliche Standortbestimmung für Zahnärztinnen und Zahnärzte will die Veranstaltung „Nur am Limit – oder doch schon irre?!“ liefern, die am 5./6. November 2010 im Hotel Maritim am Düsseldorfer Flughafen stattfindet. Zu Fragen der Dokumentation von Praxisabläufen mit dem Schwerpunkt Hygiene und QM wird dabei Prof. Dr. Peter Jöhren (Uni Witten/Herdecke, Zahnklinik Bochum) referieren. Im Interview erläutert er, welche Bedeutung ein funktionales QM System hat und wie damit umzugehen ist.
Frage 1): Qualitätsmanagement und Hygiene spielen in den Praxisabläufen eine zunehmend wichtige Rolle, das QM wird mit Beginn des neuen Jahres verpflichtend. Worauf muss der Zahnarzt /die Zahnärztin eigentlich besonders achten?
Prof. Jöhren: „Bemühungen um eine optimale Qualität der Patientenversorgung in Medizin und Zahnmedizin sind nichts Neues. Auch der in Mode gekommene Begriff Qualitätssicherung ist kein neues Wort der letzten zehn Jahre. Neu ist, dass Begriffe aus anderen Berufszweigen, in denen vornehmlich Produkte hergestellt werden, im Zusammenhang mit Medizin und Zahnmedizin verwendet werden. Neu ist auch, dass Unternehmensberater unterschiedlichster Ausbildung mit Marketingkonzepten, Verkaufsstrategien, Qualitätsberatern einem Berufstand mit Beraterverträgen zur Hilfe eilen. In dieser Kooperation werden Patienten mit einem Mal zu Kunden. Der Patient profitiert leider nicht immer.
Dennoch: eine Verpflichtung zu einem Qualitätsmanagementsystem kann auch sinnvoll sein, wenn man weiß, worauf man achten muss. Aber Vorsicht ist geboten: QM ist nicht gleich QM. Letztlich sind wir doch eh verpflichtet, geltendes Recht und Gesetze auch einzuhalten. Neben Standespflichten und der Berufsordnung gibt es bspw. das Medizinproduktegesetz mit der Medizingeräteverordnung, das Arbeitsschutzgesetz und Arbeitssicherheitsgesetz, die Anforderungen der Gefahrstoff- und der Biostoffverordnung, Strahlenschutzgesetz und natürlich das Sozialgesetzbuch mit Richtlinien zur vertragszahnärztlichen und vertragsärztlichen Versorgung im Rahmen der gesetzlichen und privaten Gebührenordnungen. Diese Gesetzte und Richtlinien sind Grundlage eines jeden QM Systems. Vor allem die Zahnärztekammern geben hier Hilfestellung, welche Punkte in welchem Umfang bei welchem Qualitätsmanagementsystem berücksichtigt werden müssen. Werden alle gesetzlichen Rahmenbedingungen von MPG bis hin zur RKI Richtlinie befolgt sind, ist der Sprung zu einem umfassenden QM nicht mehr weit.“
Frage 2): Die Dokumentation dieser Anforderungen stellt viele vor eine große Herausforderung. Gibt es da eigentlich überhaupt einfache Lösungen?
Prof. Jöhren: „Einfache Lösungen können hier nur zu kurz greifen. Selbstverständlich kann ein vorgefertigtes System einen Rahmen liefern, der immer wiederkehrende Fragestellungen und Probleme aufgreift und bearbeitet. Dennoch muss immer auch eine Individualisierung in der Praxis vor Ort stattfinden, und vor allem auch das Personal muss mit in den Prozess eingebunden und geschult werden. Das kostet Zeit und Geld. Ohne Opfern des ein oder anderen Wochenendes ist der Aufwand nicht zu stemmen. Und der ist nicht delegierbar. Im Rahmen er Veranstaltung wird dazu auch ein Themenauswahlblock angeboten, der Tipps für die praktische Umsetzung von QM und Hygienevorschriften mit dem Team in der Praxis vorstellt.“
Frage 3): “Nur am Limit – oder doch schon irre?!” - Finden Sie als psychologisch interessierter Zahnarzt den Titel der Veranstaltung als Zustandsbeschreibung vieler Praktiker treffend oder eher übertrieben?
Prof. Jöhren: „Sicher arbeiten viele von uns am Limit und wir müssen alle aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Irre sind deshalb hoffentlich die wenigsten. Insofern übertreibt der Titel sicher, aber das ist ja wohl auch die Intention.“
Frage 4): Stichwort Hygiene: Welche wesentlichen Bestimmungen gilt es hier einzuhalten, reicht es, wenn ein/e Hygienebeauftragte/r dafür abgestellt wird?
Prof. Jöhren: „Nur zu gerne würde man einen Hygienebeauftragten bestimmen und das war’s. Das wäre allerdings ungefähr so, als würden sie den Hygieneplan der BZÄK unter das Kopfkissen legen und am nächsten Morgen wäre die Arbeit gemacht. Gerade die Hygiene ist wohl das umfangreichste Thema im Komplex QM und fordert bei vernünftiger Umsetzung in jeder Praxis viel Herzensblut. Verschiedene Arbeitsgruppen für Hygiene am Robert-Koch–Institut (RKI) und bei Ärzte- und Zahnärztekammern haben sich in den zurückliegenden Jahren mit der Umsetzung nationaler und europäischer Richtlinien beschäftigt. Mit neuen Richtlinien für die ambulante Medizin und Zahnmedizin hat man versucht, klare Vorgaben für eine praxisnahe Umsetzung von Richtlinien und Ausführungsbestimmungen für die Zahnmedizin niederzuschreiben. Dennoch bleibt Diskussionsbedarf. Viele Mediziner und Zahnmediziner fragen sich, woher sie Zeit und das Geld nehmen sollen, um die Forderung nach Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften und Qualitätsmanagement nachzukommen. Hier kann in der Tat durch viel gute Vorarbeiten Entlastung geschaffen werden.“
Frage 5): Stichwort QM: Was bedeutet die Umsetzung in den Praxisalltag und was darf man sich Positives davon erhoffen?
Prof. Jöhren: „Die Umsetzung bedeutet vor allem viel Arbeit, aber auch auf dem Boden aller Gesetze, Richtlinien und Empfehlungen zu handeln. QM beginnt bei der Diagnostik und hört nicht bei der Therapie auf. Fakt ist, dass derzeit viele praktizierende Ärzte, die gerne weiterreichende qualitätssichernde Maßnahmen in den täglichen Praxisalltag integrieren würden, in der Umsetzung verunsichert sind.“
Frage 6): Wieviel Aufwand ist notwendig, welches System sollte man nehmen, ist eine externe Beratung sinnvoll, wer kann diese Beratung leisten?
Prof. Jöhren: „Als Beispiel für derartige QM-Systeme können das QM nach ISO, das Total Qualitymanagement Modell und das European Foundation Quality Management-Modell genannt werden. Es mutet sicherlich eigenartig an, dass ein Qualitätssicherungssystem, das aus der Wirtschaft stammt, in der Medizin und Zahnmedizin eingesetzt werden kann, um Prozesse und Qualität in diesem Sektor zu sichern. In der Tat lässt sich aber aus eigener Erfahrung mit Augenmaß ein Qualitätsmanagementsystem (ISO 9001:2000, resp. 9001:2008) auf die Zahnmedizin übertragen. Am Ende des Prozesses steht ein Handbuch, in dem über Standardmaterialien, Wartungsprotokolle für medizinisches Gerät, Hygieneplan bis hinzu Schulungsplänen für die Mitarbeiter die wichtigsten Verfahren und Arbeitsschritte geregelt sind. Gerade in größeren Praxen wird das QM System hilfreich sein, neue Mitarbeiter einzuweisen und anzulernen. Ohne externen Input wird man diese Herausforderung jedoch kaum bewältigen können.
Ich bin mir im klaren darüber, dass viele Kollegen diese Verpflichtung zum Nachweis von Qualitätssicherung als einen weiteren Eingriff in die Selbstbestimmung der Ärzteschaft und die berufliche Freiheit ansehen. Ich bin dennoch der Meinung, dass die Praxen, die gut organisiert und auf der Grundlage der Gesetzgebung ihre Therapie durchführen, keine Schwierigkeiten haben werden, dieses auch schriftlich zu dokumentieren, wenn sie es nicht ohnehin schon machen, weil sie es ihren Patienten schuldig sind. Dabei müssen Bemühungen um Ergebnisqualität mit Bemühungen um Prozessqualität Hand in Hand gehen. Trotz alledem werden die Kosten für diese Umsetzungen auch die Kostenstruktur in den Niederlassungen verändern. Auch hierin liegt sicher ein Grund für den Zusammenschluss mehrerer Kollegen unter einem Dach, wie wir es hier in Bochum vollzogen haben, weil die Kosten für QM so relativ geringer sind. Vor allem in den operativen Fächern ist der Aufwand für die Qualitätssicherung enorm. Allerdings sind wir uns hier auch alle einig, dass QM aus der Zahnklinik Bochum nicht mehr wegzudenken ist.“
